Der Mann, der seine Sorgen im Wasser lässt

Seit bald 50 Jahren schwimmt Martin fast täglich im Rhein. Auch im Winter, bei Regen oder Hochwasser. Warum er das tut und worauf man achten muss, erzählt er bei seinem «Morgenschwumm».

Text, Bild, Video von Tim Meyer

Für den Interviewtermin packt der 69-jährige nur das Nötigste ein: Badehose und Sandalen. Mehr braucht der gebürtige Allschwiler nicht für seinen morgendlichen «Schwumm» mit gelegentlichem Tauchgang.

Treffpunkt ist das «Rhybadhüsli» bei der Breite. Hier steigt Martin seit fast einem halben Jahrhundert ins Wasser. Wir erwischen einen sonnigen, sommerlichen Morgen. Da hat er auch schon ganz anderes erlebt: «Ich war mal bei drei Grad Wassertemperatur und -15 in der Luft im Rhein.»

Auch bei eisigen Temperaturen zu schwimmen helfe ihm. Denn für Martin ist der Rhein mehr als nur ein Hobby. Er trainiert im Wasser seinen Körper und Geist, wie er im Video erklärt.

Mittlerweile geht Martin seit 18 Wintern ins kalte Wasser. Es sei eine «Andacht mit sich selbst» und er habe dadurch weniger Erkältungen. Aber auch er hat seine Grenzen: «Ich gehe im Winter nicht mit dem Kopf unter Wasser und schwimme nur ein paar hundert Meter.»

Mehrmals am Tag in der Strömung

Martin steigt meistens beim «Rhybadhüsli» in den Rhein. Je nach Uhrzeit, Wetter und Gefühl schwimmt er verschiedene Distanzen. Im Winter zwei- bis dreimal pro Woche, den Rest des Jahres täglich. Egal wann: «Mit meinen Söhnen bin ich auch schon um halb zwei in der Nacht in den Rhein gesprungen, weil wir heiss hatten.»

Sein weitester «Schwumm» bisher ging bis nach Frankreich: Rund 5,5 Kilometer – angekommen in Hüningen. Zur Einordnung: Das ist die fast vierfache olympische Triathlon-Schwimmdistanz.

Der Abfall – Die Schattenseite

Bei unserem Treffen sticht Martin immer wieder etwas ins Auge. Ein rostiger Nagel hier, ein altes Kabel da. Abfall, der auf den ersten Blick nicht zu sehen ist. Über seine verrücktesten Funde redet er im Video.

Für ihn gehöre es zum Schwimmen dazu, auch den Abfall von anderen aufzuheben. Es sei ein Querschnitt durch unsere Gesellschaft und störe die Natur. Dabei hat er sich auch schon verletzt: «Ich hatte blutige Finger, nachdem ich 170 Splitter von einer Flasche auflas».

Die Bevölkerung sei in den letzten Jahren aufmerksamer geworden beim Littering. Es sei fast schon «berauschend», sagt Martin. Für ihn gebe es heute ungefähr 30 Mal weniger Abfall aufzuheben als früher. Auch wenn er heute noch den einen oder anderen Wegwerfgrill aus dem Rhein fischt.

Schwimmen bei Gefahren – Das Hochwasser

Bei seinen tausenden Schwimmgängen hat der 69-jährige auch einige brenzlige Situation erlebt. Zwischen zwei Schiffen zu schwimmen, wobei das Eine den Rhein abwärts und das Andere aufwärts fährt, sei kein gutes Gefühl. Oder als das «Rhybadhüsli» umgebaut wurde, gab es ein Hochwasser und 100 Gerüstplatten wurden von der Strömung weggeschwemmt.

Das «Rhybadhüsli» bei der Breite.

Martin fischte diese fast alle eigenhändig aus dem Wasser. Die Platten hatte er mit Seilen eingehackt und dann: «Hatte ich tauchend den Fuss im Seil und es wurde ein bisschen knapp. Ich bin noch da, aber man muss sich der Risiken bewusst sein.»

Die Tücken des Rheins kennt und erlebt er hautnah. Auch dort wo wir für das Interview stehen, sei er schon geschwommen, sagt Martin. Das Hochwasser ziehe ihn mit seinem Klangspiel in den Bann: «Die Steine werden bewegt und es gibt Klick-Geräusche unter Wasser. Das ist die Melodie des Rheins.»

Bei tiefem Wasserstand sei das Schwimmen «langweiliger», da man weit hinauslaufen müsse. Trotz dem Klang der Steine empfiehlt Martin nicht bei Hochwasser in den Rhein zu gehen. Die Gefahren seien viel grösser und man solle sich an die Spielregeln halten. Diesen Rat wolle er auch selbst in Zukunft mehr zu Herzen nehmen.

Tipps vom Profi

Viele Menschen würden in Unkenntnis der Sachlage ins Wasser gehen. Dabei sei es wichtig zu wissen, wo es gefährlich werden könnte: «Zum Beispiel die Strudel bei den Brückenpfeilern.»

Ein Rezept für den perfekten Wassergang gibt es auch für den erfahrenen Schwimmer nicht. Trotzdem hat Martin, nebst den offiziellen Empfehlungen, ein paar Ratschläge für dich:

In den bald 50 Jahren im Wasser hat Martin vieles gelernt. Vor allem mental: «Höre immer auf dich. Wenn du – vielleicht plötzlich – das Gefühl hast, etwas stimmt nicht, dann schwimm nicht. Deine Intuition kann lebenswichtig sein». Das sei nicht immer leicht, gerade wenn man sich etwas vornehme und die innere Stimme sich dann dagegen sträubt.

Mit den täglichen Schwimmeinheiten hat Martin eine Balance geschaffen zwischen Selbstvertrauen zu haben, sich aber nicht zu überschätzen. Das Wichtigste sei, es für sich selbst zu tun: «Mit Spass, Freude und Engagement.»